Sternenkind auf Reisen

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Donnerstag, 15. November 2018

Ohne euch!

Als ich den letzten Post geschrieben habe, wusste ich noch nicht, was vor uns lag. Nur fünf Tage später kam mein Mann ins Krankenhaus, war vom ersten Tag an auf der Intensivstation und schnell wurde klar, wie ernst alles war. Er hatte COPD im Endstadium (nach Gold IV D) und ein ausgeprägtes Lungenemphysem. Und das machte die gesamte Behandlung und den Kampf um sein Leben sehr schwer.

Nach vier Tagen im Krankenhaus hier vor Ort wurde er in die Uniklinik Aachen verlegt, dort auf eine spezialisierte Intensivstation. Ich war vom ersten Moment an so dankbar für diesen Schritt, rettete er ihm doch in dieser Situation das Leben. Dennoch standen wir vor einem riesigen Berg, dessen Spitze noch in den Wolken lag. Mein geliebter Mann war vom ersten Tag an voll beatmet und bekam in Aachen dann auch ein Tracheostoma (Luftröhrenschnitt). Und es zeigte sich schnell, wie schlecht seine Lunge schon war, die Beatmungsentwöhnung klappte mehr schlecht als recht und Komplikationen warfen ihn immer wieder zurück. Dennoch hofften wir die gesamte Zeit, dass er es noch mal schaffen konnte. Aufgeben war einfach keine Option. Dafür war es doch viel zu früh. Er durfte mich doch jetzt nicht schon verlassen, mit nur 51 Jahren und mich mit 41 Jahren zur Witwe machen. 

Ich fuhr jeden Tag zu ihm nach Aachen. Jeden Tag 120 km. Das machte mir aber nichts, viel zu groß war die Sehnsucht nach ihm, viel zu sehr wollte ich einfach bei ihm und für ihn da sein, ihn unterstützen und mit ihm diesen Kampf gewinnen. Tag für Tag gingen ins Land und immer wieder sah es sehr ernst aus, dennoch hieß es weiterhin, Hoffnung besteht. 

Mein Schatz musste schon nach 2 Wochen an die Lungenmaschine (ECMO) und was ihm zu Beginn das Leben rettete, zerstörte langsam aber sicher schließlich seinen Körper. Nach drei Monaten offenbarten mir dann seine Ärzte, die wirklich alles versucht hatten, dass er es nicht mehr von den verschiedenen Maschinen wegschaffen würde. Sie hätten es mit allen Mitteln versucht, es wäre aber leider Fakt, dass seine Lunge schon so schwer geschädigt war, dass er ohne diese ECMO nicht überleben konnte. Das bedeutete im Umkehrschluss, dass genau das ihn umbringen würde, weil sich die Probleme, von ihr ausgelöst, häuften und sie keine Optionen mehr hatten. Das brach mir das Herz und änderte unser Leben von einem Moment auf den anderen. Ich sagte ihm, was die Ärzte mir gesagt haben, und musste mit ansehen, wie alles über ihm zusammenbrach. Seine Verzweiflung und Angst waren unerträglich und dennoch konnte ich nichts für ihn tun, als einfach bei ihm sein. Er sagte immer wieder, dass er doch nicht sterben wollte und ich konnte nur sagen, dass ich ihn doch auch nicht verlieren wollte. Zum Glück kümmerten sich ab diesem Moment auch Palliativmediziner um uns, wobei ich seinen behandelnden Ärzten auf keinen Fall irgendwelche Vorwürfe machen möchte. Sie haben alles mögliche für ihn getan, waren immer für ihn und auch mich da und ich habe selten so sehr erlebt, wie bemüht und menschlich sich gekümmert wurde. Gleiches gilt auch für das ganze Pflegeteam, für jede einzelne Schwester und jeden einzelnen Pfleger. 

So musste ich meinen Seelenverwandten, meine große Liebe am 27. Oktober schließlich gehen lassen. Ich war die letzten Stunden an seiner Seite und auch, als sein Herz aufhörte zu schlagen. Ich dachte vorher, ich habe schon viel Schmerz erlitten, aber das übersteigt alles, was ich mir je an schlimmen Szenarien ausmalen konnte. Er fehlt mir so unbeschreiblich, in jeder Sekunde, an jedem Ort. Ständig holen mich verschiedene Erinnerungen ein und immer wieder wird mir bewusst, dass er nicht mehr da ist und nie wieder kommt. 

Seine Bestattung im Friedwald liegt noch vor mir. In einer Woche habe ich auch das geschafft. Zum Glück konnte ich mit ihm noch genau besprechen, was er sich wünscht. So wird dieser schwere Tag in seinem Sinn ablaufen. Ich bin froh, dass er mit dem Friedwald einverstanden war, da liegt auch seine liebe Mutter. Er wird Teil dieses Waldes, Teil eines Baumes, einer Buche. Und er wird auf keinem Friedhof liegen, was er nie wollte. 

Ein kleiner Trost ist der Gedanke, dass er jetzt keine Schmerzen und keine Angst mehr hat. Und auch, dass er da oben bei unseren drei Kindern ist. Außerdem haben ihn seine Eltern abgeholt, sie haben ihn in den letzten Tagen schon immer wieder besucht. Da oben haben ihn sicher einige schon besucht, er ist nicht alleine, ganz im Gegenteil, er ist bestens aufgehoben. Meine Mutter hatte es so schön und treffend formuliert, er ist nur vorgegangen, und eines Tages sehen wir uns wieder. Für ihn wird es nur ein Wimpernschlag sein, nur ich muss die lange Zeit hier unten ohne ihn ertragen.

So also startet mein Leben hier ohne ihn, ohne euch. Mein Leben 2.0. Noch weiß ich nicht so genau, wie das laufen wird. Unsere Wohnung ist für mich kaum zu ertragen, viele Orte zerreißen mich innerlich. Da ich ihm aber versprochen habe, auf mich aufzupassen, werde ich das tun und meinen Weg gehen. Irgendwie....und irgendwann sehen wir uns alle wieder!